Samstag, 9. Oktober 2010

Als die Erde bebte

„Alle raus in den Innenhof!“ Francisco, der sympathische Typ mit der Lego-Frisur und den 70s-Koteletten, will uns gerade in die Geheimnisse des Imperfecto einweihen, da übertönt schrilles Alarmklingeln seine Stimme. Es ist kurz nach 11 Uhr in der Sprachschule ECELA in Santiagos Business-Viertel Providencia. Und jeder der Schüler im Kurs weiß sofort bescheid: Erdbeben-Alarm…


Panik bleibt aus. Es ist nur eine Übung. Doch die Terremtoto-Gefahr scheint in Chiles Hauptstadt allgegenwärtig. Erst im Februar gab es beim letzten Beben, dem heftigsten der jüngeren chilenischen Geschichte, verheerende Schäden, auch in Santiago. Kleinere Terremotos gehören hier fast schon zum Alltag. Beinahe täglich vibriert irgendwo in Chile die Erde. Während man auf seinem Sessel gerade unregelmäßige Verben im Indefinido paukt, können schon mal ganz unmotiviert die Wände wackeln. Meist nur leicht, meist nur kurz, aber dennoch spürbar.

Die meisten Häuser sind zum Glück erdbebensicher gebaut. Auch der 15-Geschosser einige Blocks von meiner Sprachschule entfernt, in den Corinna und ich am Abend darauf eingeladen waren. Fernanda, die Schwester ihrer ehemaligen Mitbewohnerin in Santiago, veranstaltete ein Asado auf der lururiösen Dachterrasse ihres Wohnhauses, samt Sonnenliegen und Poollandschaft (5 Grad Außentemperatur, Badehose vergessen). Mit frisch gegrilltem Hamburguesa in der einen Hand und einem eisgekühlten Cristal-Bier in der anderen, blickten wir gebannt auf die leuchtende Stadt. Wahrscheinlich hab ich noch nie einen so spektakulären Burger verzehrt…





Was meinen Spachlehrer Francisco mit dem vielsagenden Nachnamen Villagra (sprich: „Viagra“) angeht: Der ließ wenige Tage nach dem improvisierten Erdbeben-Alarm in Bellavistas Club Onaciu die Wände wackeln. Zum Glück nur im übertragenen Sinne – als Bassgitarrist der chilenisch-britischen Rockcombo Los Histericos. Er ist übrigens der coole Typ links im Bild mit der roten Klampfe. Und der im rötlich schimernden Licht leicht verwackelten Lego-Frisur.

Montag, 4. Oktober 2010

¡Una empanada, por favor!

Von einer Invasion durch McDonalds und Burger King ist Chile bisher verschont geblieben. Das mag daran liegen, dass sich hierzulande längst eine völlig eigenständige Fast-Food-Kultur entwickelt hat. Nach dreiwöchiger inves(s)tigativer Recherche in Santiago gibt es hier einen ersten Überblick über die landestypischen Schnellimbiss-Spezialitäten. Ohne Anspruch auf Vollständigkeit,  aber mit kulinarischer Kult-Garantie!


Prototypisch für das chilenische Fingerfood steht der Completo – ein Hot Dog, garniert mit einer gefühlten Eimerladung Avocado-Creme (Guacamole) und wahlweise einem Schuss Mayonnaise. Für meinen Geschmack hat das Original-Rezept zu wenig Würze. Aber die Sorte „Aleman“ mit Zwiebel und Paprika bekommt eine klare Empfehlung. Bei der budgetorientierten Mittagsplanung ist der „Doggi“ immer eine Überlegung wert – gute Fotomotive inklusive.


Die großen Brüder des Completos sind der Barros Luco & der Barros Jarpa, zwei burgerähnliche Sandwiches. Benannt wurden diese nach ehemaligen chilenischen Politikern, die sich davon ernährt haben sollen. Der mit Steaks gefüllte und zig verschiedenen Saucen servierte Barros Luco hat tatsächlich das Zeug zum Klassiker. Gleiches gilt für den Barros Jarpa, der mit Schinken-Käse-Füllung daherkommt.  Man sollte allerdings nicht den Fehler machen, „Aji“ mit Gewürzketchup zu verwechseln. Akute Verbrennungsgefahr!



Der chilenische Kultimbiss schlechthin sind jedoch die Empanadas. Verkauft und verzehrt an jeder Straßenecke, macht die gefüllte Teigtasche zwar nicht wirklich satt, taugt aber hervorragend für eine kleine Zwischenmahlzeit. Das chilenische Nationalgericht ist in der Standard-Sorte „Pino“ gefüllt mit Fleisch, Zwiebeln, Ei und Olive – und erinnert dann ein wenig an die australischen Meat Pies. Aber auch andere Füllungen wie Käse oder „Napolitano“ (Schinken, Tomate und Käse) sind durchaus schmackig, kosten dann aber häufig mehr als den sonst üblichen Euro. Mein bisheriger Favorit: der Schinken-Käse-Mais-Mix.


Für den Mini-Hunger zwischendurch wurde die Sopaipilla erfunden. Die kleine runde Kürbisteig-Scheibe wird zu jeder Tages- und Nachtzeit an rollenden Imbissständen verkauft. Dazu gibt’s entweder scharfe rote Soße (eine mildere Aji-Variante) oder süß-sauren Aufstrich, der zwar gewöhnungsbedürftig aussieht, aber auch ganz gut mundet. Kostenpunkt: 15 Cent.


Die Bratwurst der Chilenen heißt Choripan und ist auf den Straßen Santiagos – im Gegensatz zu den ebenso beliebten schaschlikähnlichen Fleischspießen eher selten zu finden. Dafür kommt der Roster bei jedem zünftigem Asado (Barbecue) auf den Grill und darf dann – mit Ketchup oder Senf garniert – dem hungrigen Magen zugeführt werden. Mit den Leipziger Würsten können die Choripans auf jeden Fall mithalten. Sogar heimatverwöhnte Thüringer Rostbratwurstgourmets beißen da gerne zu.


Wer will, kann aber natürlich auch essen wie daheim. So dürfen die hervorragenden Vierfach-Brötchen („Marraqueta“) je nach Gusto mit Käse, Salami, Kochschinken, Leberwurst oder Marmelade belegt und beschmiert werden. Aber am besten ist und bleibt die originäre Nudel-Mahlzeit. Am besten nach Leipziger Art auf dem Balkon – mit Tomaten-Gemüse-Würstchen-Soße. ¡Buen provecho!

Dienstag, 28. September 2010

Santiagos helle Lichter

Vom Cerro San Cristobal fällt der Blick auf Santiago. Als im Angesicht der Anden an diesem Abend die Sonne untergeht, breitet sich im Tal des Rio Mapocho ein Lichtermeer aus. Und Chiles Hauptstadt leuchtet in sechs Millionen Farben:


Doch Santiagos helle Lichter strahlen nicht nur bei Dunkelheit. Imposante Kolonialbauten und gläserne Wolkenkratzer, in denen sich schneebedeckte Berggipfel spiegeln, türmen sich bei Tag über dicht gedrängten Fußgängerzonen ("Paseos"). Und zwischen blau-weiß-rot beflaggten Taxis streunen sympathische Hunde, die gerne auch unter den Palmen auf Santiagos zentralem Platz, der Plaza de Armas, eine Siesta einlegen. Für eine Sightseeing-Tour der perfekte Ausgangspunkt.


Der Blickrichtung des galoppierenden Stadtgründers Pedro de Valdivia gen Westen folgend, führt der Weg vorbei an geschäftstüchtigen Teleskop-Besitzern, die gegen einige Pesos einen Blick auf den Mond offerieren, entlang an zwei historischen Gebäuden: dem obersten Gerichtshof (Bild unten links) sowie dem ehemaligen Nationalkongress, in dem heute das Außenministerium sitzt (Bild unten rechts).






Am Ende der Straße erstreckt sich, eingebettet zwischen der Plaza de la Constitucion und Santiagos Hauptstraße Alameda, der weiße Präsentenpalast La Moneda. In den Mauern des Gebäudes starb beim Militärputsch 1973 Chiles Präsident Salvador Allende. Heute erinnert ein fotogenes, hornbebrilltes Denkmal an das gestürzte Staatsoberhaupt.




Zu einer Zwischenmahlzeit lädt am nördlichen Ende der Innenstadt der Mercado Central. In der großen, im britischen Stil erbauten Markthalle bieten zahllose Händler frischen Fisch lauthals schreiend zum Kauf an. Der geneigte Lateinamerika-Tourist kann ihn auch gleich vor Ort in einem der zahlreichen Restaurants verspeisen - zu unverschämt hohen Preisen.




Zwei U-Bahn-Stationen weiter wartet mit dem Cerro San Cristobal das Highlight jeder Sightseeing-Tour durch Santiago. Auf den 284 Meter über der Stadt thronenden Hügel führt eine Seilbahn im 45-Grad-Winkel. Bereits die Fahrt in den rumpelnden Waggons des sogenannten "Funicular" ist ein Abenteuer für sich - und lässt die grandiose Aussicht von oben bereits erahnen.





Bis zum Gipfel führt die Bahn allerdings nicht. Das Plateau der 14 Meter hohen Maria-Statue "Virgen de la Inmaculada Concepcion" auf der Spitze des Berges gilt es zu Fuß zu erklimmen. Gelegenheit zur Pause - oder zum wenig christlichen Empanada-Verzehr - bieten unterwegs die Bänke einer Freiluftkirche, in der Papst Johannes Paul II. 1986 eine Messe hielt.



Wer es schließlich bis nach oben geschafft hat, wird mit einem unvergesslichen Panorama belohnt. Da sagen Bilder manchmal mehr als sechs Millionen Worte...









Dienstag, 21. September 2010

Bicentenario: Eine Nation feiert sich selbst

Ein Düsenjet donnert über den Parque O’Higgins. Der ohrenbetäubende Lärm lässt zehntausende Chilenen auf dem Platz im Süden Santiagos die Köpfe senken. Als die verängstigte Menge nach oben schaut, sieht sie fünf Propellerflieger folgen, die den Himmel über der Stadt in blau-weiß-rote Farben tauchen.

 
Es ist der furiose Beginn der großen Militärparade, dem Höhepunkt der Bicentenario-Feiern zum 200-jährigen Jubiläum der chilenischen Unabhängigkeit. Die Nation feiert sich selbst und demonstriert an diesem sonnigen Sonntagnachmittag ihre Stärke, lässt fast 8000 Soldaten quer durch die ganze Stadt marschieren, fährt die größten Panzer der Streitmacht auf und schickt Bomber und Kampfhubschrauber auf einen Flug über die Stadt.




 
Die feiernden Massen haben sich in überfüllten Metrozügen ihren Weg in der Park gebahnt. Doch nicht alle säumen die Wegstrecke des Festzugs. Viele schlendern zunächst über die „Fonda“ nebenan, wo außer jeder Menge Kitsch auch chilenischen Spezialitäten wie Empanadas (mit Fleisch gefüllte Teigtaschen) oder Choripans (gegrillte Schweinswürstchen) verkauft werden. Auf das Volksfest mit Wies’n-Charme sind neben den beiden Leipzigern mit ihren Sombrero-Hüten vor allem die einfachen Chilenen gekommen. Die Oberschicht bleibt dem exzessiven Treiben fern oder schaut sich den Umzug zuhause an - sechs Sender übertragen die Parade live im Fernsehen.


Auf der riesigen Wiese am Festplatz liegen die Feiernden derweil in der Sonne, trinken ihren mitgebrachten Rotwein aus Zwei-Liter-Tetrapacks oder lassen Mini-Drachen steigen. Die bunten Papierflieger schweben zu Dutzenden über dem Gelände – und viele von ihnen tragen Landesfarben. Auch die Schärpe von Sebastian Piñera: Der Staatspräsident reist im Festzug mit einer Pferdekutsche an, heftet einigen Generälen auf der Plaza O’Higgins Orden ans Revers und nimmt dann auf der Tribüne Platz, um sich das dreistündige Spektakel anzuschauen.



Noch am Vormittag salutierte Piñera für die „mineros“ in der Atacama-Wüste bei Copiapó. Den 33 seit Wochen verschütteten Bergleuten in der Mine von San Jose, die gerade der erste Rettungsbohrer erreicht hat, ist dieser Tage jede Feier, jedes Lied, jedes Gebet gewidmet. Laut einer aktuellen Umfrage, symbolisieren sie den Stolz der Nation mehr als die Unabhängigkeitsfeiern selbst. Piñera verspricht, dass die Mäner noch vor Weihnachten bei ihren Familien sein sollen. Am Nationalfeiertag hissen die "los 33" in 700 Meter Tiefe chilenische Flagge. Und singen in ihrem Schutzraum unter Tage voller Stolz die Nationalhymne.

Als das Donnern der Kampfjets verstummt, sind die Gedenken der Chilenen jedoch woanders. Nicht bei den "mineros" und auch nicht bei den mehr als 30 Unfalltoten, die die Bicentenario-Feiern in Santiago bei Verkehrsunfällen forderten. Gerade rollen Leopard-2- und Marder-Panzer in den Parque O’Higgins ein, eskortiert von Gebirgsjägern mit Skiausrüstung und einer historischen Reiterstaffel. Die beiden Leipziger wühlen fasziniert in ihrer Popcorn-Tüte. Und im Hintergrund verglüht über der Looping-Achterbahn die Sonne.