Donnerstag, 9. Dezember 2010

Das Abenteuer beginnt...




¡Chao Chile, adiós Santiago! Unsere Zeit in der Hauptstadt geht heute vorbei, doch vor uns liegt das Abenteuer… In den nächsten zehn Wochen reisen Corinna und ich mit dem Rucksack quer durch Südamerika – von Buenos Aires nach Feuerland, von Patagonien bis Peru und im Februar zurück nach Santiago. Doch zunächst hieß es Abschied nehmen, von lieben Menschen und der Sechs-Millionen-Metropole, die in den letzten Monaten unser Zuhause war.


~ Die Woche der Abschiede ~

50 Plastikbecher stehen auf dem Tresen. Aus einer Fünf-Liter-Karaffe kippt der Barkeeper einen Weißwein-Wasserfall in die mit Ananas-Eis gefüllten Behälter. Ein Schuss Fernet Branca, ein Strohhalm – und fertig ist das chilenische Kult-Getränk. Der Terremoto, ein Promille-Erdbeben im Halbliter-Format, haut selbst Hartgesottene von den Füßen. Doch in Santiagos legendärer Bar Piojera („Läusehöhle“) wird der Billig-Punsch tablettweise geordert.

 

Es war ein einmaliger Ort, um zusammen mit unseren Mitbewohnern Petra und Kevin den letzten Abend in Santiago zu feiern. Die Atmosphäre in dem heruntergekommenen Laden pendelt irgendwo zwischen Hofbräuhaus und Dorfkneipe. Auf harten Holzbänken wird auch schon mal im Stehen gegrölt, Sägespäne auf dem Fußboden saugen Verschüttetes auf. Wir genehmigten uns einige Terremotos – bevor wir später bei der After-Office-Disco über den Dächern der Stadt bis in die Nacht zu Raeggaeton-Beats tanzten. 


Bereits eine Woche zuvor standen zwei weitere despedidas auf dem Programm. Meinen Ausstand bei Chile Inside zum Ende des zweimonatigen Praktikum feierte ich zusammen mit meinen acht Kolleginnen (!) bei Pizza und chilenischem „Champagner“. Und der Abschied unseres Leipziger compañeros Gerd in Richtung Patagonien wurde mit einer zünftigen Carrete in der Casa de Flaite begangen. ¡Compartir!


~ Mit dem Rucksack durch Südamerika ~

Eine großartige Zeit geht nun zu Ende, mit vielen sympathischen Bekanntschaften, unvergesslichen Eindrücken und Erlebnissen. Nicht nur Tercera-Lesen bei Café con Leche, Santiagos Plaza de Armas und das Panorama vom Cerro San Cristóbal werden mir fehlen. Auch die Andensilhouette über dem Hochhausmeer wird mir im Gedächtnis bleiben - und der dröhnende Klang von Reggaeton-Beats aus offenen Autofenstern in meinen Ohren.

 

Mit dem Flug nach Buenos Aires startet heute unsere große Rundreise durch Lateinamerika. Von Argentiniens Hauptstadt geht es  nach Weihnachten hinunter bis nach Feuerland und anschließend die chilenische Küste wieder hinauf gen Norden. Wo genau wir in den nächsten Wochen unterwegs sind, könnt ihr in der neuen Rubrik Reiseroute nachlesen! Um euch zusätzlich zu den Blogeinträgen mit aktuellen News von unserer Reise zu versorgen, werde ich meinen Twitter-Account ab heute wieder reaktivieren. Die neuesten Status-Meldungen werden immer oben rechts auf dieser Seite eingeblendet.

So, genug der Worte. Jetzt heißt es Rucksack schnappen und auf zum Flieger…

¡Nos vemos en Argentina!

Zu Besuch bei Margot Honecker


Stromzäune auf meterdicken Mauern. Stacheldraht, Wachpersonal und elektrische Toreinfahrten. Die meisten Villen in Santiagos Stadtteil La Reina („Die Königin“) sind ähnlich stark gesichert wie die ehemalige innerdeutsche Grenze. Doch nach außen hin strahlt das vornehme Viertel im Osten von Chiles Hauptstadt gespielt-idyllische Vorort-Atmosphäre aus. Haushälterinnen bewässern leuchtend grüne Vorgärten. Zwei Bauarbeiter, die am Straßenrand Kabel verlegen, gönnen sich auf ihrer Schubkarre im Schatten eine Pause. Ein deutscher Schäferhund beginnt zu bellen – und wird von seinem deutschen Herrchen mit einem harrschen „Hör!“ zur Ruhe gestellt.

Hier, eine dreiviertelstündige Busfahrt vom Zentrum der Millionenstadt entfernt, lebt seit 1992 Margot Honecker. Nach dem Fall der Mauer hatte sich die ehemalige Volksbildungsministerin der DDR und Ehefrau von SED-Staatsratsvorsitzenden Erich Honecker, zu ihrer Tochter nach Chile abgesetzt. Sonja lebte da bereits seit knapp 20 Jahren in Santiago. Señora Honecker gewährte man Exil, nicht zuletzt aufgrund der guten Kontakte zu hochrangigen linken chilenischen Flüchtlingen nach dem blutigen Sturz der Allende-Regierung in den 70er-Jahren. Anfang 1993 folgte Erich Honecker seiner Frau nach Chile, nachdem die Haftbefehle gegen ihn in Deutschland unter starkem öffentlichen Protest aufgelöst worden waren. Doch bereits ein Jahr später starb der ehemalige DDR-Staatschef im Alter von 81 Jahren an Krebs.



Margot Honecker blieb. In Santiago. Ihr Haus in der Straße Carlos Silva Vildosola liegt in einer Reihenhaussiedlung, einer von vielen in La Reina. Von außen eher unauffällig, schützt ein Steinwall das Anwesen vor unerwünschten Blicken. Ein weißer Strauch blüht neben der hohen, eisernen Toreinfahrt. Auf vier weißen Kacheln prangt darüber in schwarzer Schreibschrift der Name der Siedlung: „Comunidad Andalue“.

Während das Andenpanorama im Smognebel bräunlich über den Hausdächern schimmert, kommt ein weißer Jeep die Straße hinunter gefahren. Der Portier winkt der blonden Fahrerin zu, öffnet das elektrische Tor und dreht sich anschließend zu mir. Eigentlich war ich nur gekommen, um ein Foto vom Haus zu schießen, doch nun packt mich die Neugier. „Suchen Sie etwas?“, fragt der Mann im weißen Nadelstreifenhemd.

[...]

Kurz darauf gehen wir über den grünen Innenhof, vorbei an einem leeren Swimming-Pool, dessen Innenwandfarbe in der chilenischen Nachmittagssonne hellblau leuchtet. Zwei Kinder spielen im Garten. Wir laufen weiter geradeaus zu einem der identisch aussehenden, flach aneinander gereihten Natursteinhäuser. Alle Gebäude der Siedlung sind mit Buchstaben nummeriert. In Haus G wohnt Señora Honecker.

Zweimal klopft der Portier an die braune Holztür. Nach wenigen Sekunden öffnet von innen jemand die Pforte – es ist Margot Honecker höchstpersönlich. In türkiser Strickjacke, schwarzem Rock und schwarzen Halbschuhen steht die ehemals mächtigste Frau der DDR, klein, schmächtig und vom Alter gezeichnet in der Tür ihres Hauses.

[...]

Es ist scheint nicht dasselbe Haus zu sein, in dem sie in Santiago im Oktober 2009 in kleiner Runde den 60. Jahrestag der DDR gefeiert hatte. Mit ihrer verbitterten Rede zu den politischen Verhältnissen in Deutschland sorgte Margot Honecker damals diesseits und jenseits des Atlantiks für Schlagzeilen. Ein Video-Mitschnitt davon tauchte kurz nach der Feier bei Youtube auf:


Bei unserem kurzen Gespräch ist von Groll keine Spur. Die 83-Jährige macht einen offenen und gelösten Eindruck. Hier, gut 12.000 Kilometer von der Heimat entfernt, lebt die Frau, die zu DDR-Zeiten aufgrund ihrer extravaganten Haarfarbe lila Drache genannt wurde, in völliger Abgeschiedenheit, in einer anderen Welt.

Ich will sie auch gar nicht lange stören, sage ich und stehe von meinem schwarz gepolsterten Metallstuhl auf. Als wir zurück zur Pforte laufen, wünsche ich Señora Honecker zum Abschied noch einen schönen Tag. Danach bittet mich die alte Dame freundlich, aber bestimmt nach draußen. „Danke für den Besuch“, sagt sie. Und schließt hinter mir die braune Holztür.



Dieser Artikel wurde an den mehreren Stellen gekürzt. Wer die vollständige  Geschichte lesen möchte, kann sich gerne per E-Mail an mich wenden.

Mittwoch, 8. Dezember 2010

Final Furioso de Futbol – Colo-Colo siegt & trauert


Was für ein Meisterschaftsfinale im chilenischen Fußball: Elf Tore in zwei Spielen, Colo-Colo siegt mit 4:2, doch für den Rekordmeister bleibt am Ende nur der undankbare zweite Platz. Die Albos setzten sich am Sonntag im letzten Saisonspiel zwar vor heimischem Publikum gegen Concepción durch, konnten den Drei-Tore Vorsprung auf den Spitzenreiter Universidad de Católica aber nicht mehr aufholen. Durch ein 5:0 gegen Absteiger Everton Viña del Mal sicherten sich die Cruzadores zum zehnten Mal den Titel. Die Fans der Blau-Weißen feierten die Meisterschaft bis in die Nacht in einem Fahnenmeer auf der Plaza Italia, nur wenige Blöcke von unserer Wohnung entfernt.



Wir entschieden uns, Colo-Colo beim letzten Spiel anzufeuern. Die Zuschauerkulisse im Estadio Monumental, dem schönsten reinen Fußballstadion Santiagos, war angesichts der Brisanz der Partie jedoch mehr als enttäuschend. Statt der erwarteten 40.000 Hinchas zog es nur gut 15.000 zum Endspiel in den Stadtteil Macul. Mag sein, dass Colo-Colo in den letzten Wochen einige Sympathien verspielt hat. Der Ex-Tabellenführer schaffte es immerhin, einen Sieben-Punkte-Vorsprung auf die Verfolger noch aus der Hand zu geben...




Die Ultras der Garra Blanca sorgten dennoch für prächtige Stimmung im eckigen Rund. Bei rund 30 Grad schmorten die Fans in der Sonne und ließen es sich nicht nehmen, zum Anpfiff ihr traditionelles Pyro-Feuerwerk abzubrennen. Auch die Mannschaft legte einen furiosen Start hin und ging durch Tore von Miralles (11.) und Cámpora (45.) verdient in Führung. Von unseren Plätzen auf der Haupttribüne aus hatten wir perfekte (und vor allem schattige) Sicht aufs Spiel. Ein Doppelschlag durch Rabello und Cámpora brachte das Team von Trainer Diego Cagna kurz nach der Pause sogar mit 4:0 in Front.

Was auf dem Platz passierte, war bald jedoch nur noch Nebensache. Denn der sichere Sieg von Católica im zweiten Spiel des Abends und damit die zerstörte Hoffnung auf ein „Wunder von Santiago“ ließ die Fans kurz nach der 70. Minute vollkommen ausrasten, woraufhin fünfzig gepanzerte Carabineros den Block der Garra Blanca stürmten und die Fans unter Knüppeleinsatz in die Ecken der Tribüne zusammenpferchten. Die  berühmt-berüchtigten Colo-Colo-Anhänger wiederum traten und knüppelten mit Fahnenstangen auf die Polizisten ein und zündeten einen Bengalo nach dem anderen ab. Das Spiel musste wegen der Ausschreitungen im Fanblock mehrfach unterbrochen werden.



Dass die Gäste aus Concepción zwischenzeitlich zwei Tore erzielten – unter frenetischem Jubel der 20 mitgereisten Fans – nahm kaum noch jemand zur Kenntnis. Und nach dem Abpfiff gab es statt der großen Feier dann doppelt großen Frust. Da Santiagos Metro wegen eines Fahrerstreiks am Sonntag komplett geschlossen blieb, mussten alle Zuschauer mit dem Bus die Heimreise antreten. Bei aufgerissenen Türen, im Fahrtwind wehenden Flaggen und wilden Schlachtgesängen wurde so manche Colo-Colo-Trauer überspielt.


Wir fuhren in die Innenstadt, vorbei an den Autokorsos der Católica-Fans an der Plaza Italia, Richtung  Alameda, wo vor unseren Augen einige Colo-Colo-Fans Autotüren von vorbeifahrenden Wagen mit blau-weißen Fahnen demolierten. Normalerweise reiht sich auf Santiagos sechsspuriger Hauptstraße Kneipe an Kneipe, diesmal hatten wegen erwarteten Ausschreitungen jedoch vorsorglich alle Restaurants dicht gemacht. Wir stilten unseren Hunger daher in einer Straßenschenke in Bellavista, wo der Fußball-Tag bei Chorrillana (Grillplatte mit Pommes, Ei und Zwiebeln) und Escudo-Pils aus der Literflasche auch kulinarisch ein furioses Ende fand.

Mittwoch, 1. Dezember 2010

Sommer oder Winter?



Die Sonne hatte den letzten Schnee schon von den Anden geschmolzen, da meldete sich der Winter noch einmal zurück. Ein heftiges Tiefdruckgebiet bedeckte vor einigen Tagen die cordillera, die Gebirgskette vor Santiago, mit einer weißen Puderschicht. Vom unerwarteten Schneefall mitten im chilenischen Frühling – dem ersten seit knapp 20 Jahren – waren selbst die Meteorologen überrascht. Sogar der Pass über die Berge nach Argentinien musste deshalb wieder gesperrt werden.

In der Hauptstadt selbst sorgte der plötzliche Wintereinbruch für starke Regenfälle und Temperaturen knapp über dem Gefrierpunkt. Das Wetter am Tag danach war allerdings das krasse Gegenteil – Temperaturen um 20 Grad und eine berauschend smogfreie Sicht auf die Berge...


Chile, ein Land surrealer Klimaerfahrungen. Wer will, kann an ein und demselben Tag in den Anden Ski fahren und im Pazifik baden gehen – beides ist von Santiago nach knapp zwei Stunden Fahrt  möglich. Nach der Wintereinlage auf dem „Dach der Hauptstadt“ erkundeten wir das andere Extrem an der chilenischen Küste:


In Maitencillo, einem Badeort nördlich von Valparaíso, stürzten wir uns auf dem Surfbrett in die Wellen des Pazifiks. Und in Isla Negra südlich der Hafenmetropole statteten wir dem dritten, dem schönsten und dem letzten auf unserer Reiseroute fehlendem Haus Pablo Nerudas einen Besuch ab.

Maitencillo: Auf dem Surfbrett über den Pazifik


Für manche sind es die Bretter, die die Welt bedeuten. Für mich sind es die Bretter, die mich in den Pazifik schleudern. Surfen ist ein spezieller Extremsport – extrem adrenalinfördernd und extrem schwierig. Daran hat sich seit meinem ersten Wellenritt in Australien Ende 2008 nichts geändert. Das Gute an den chilenischen Surfstränden: Die Brandung kommt Anfängern entgegen. Flache Strandabschnitte, knapp ein Meter hohe und perfekt brechende Wellen sorgen für schnelle Erfolgserlebnisse.



Nach einer Aufwärm-Jogging-Runde am Strand und einigen Trockenübungen geht es für Corinna und mich zusammen mit ihren Uni-Kollegen aus aller Welt in die Fluten. Ein Neoprenanzug ist wegen des kaltenWassers Pflicht, doch die eisigen Temperaturen sind schnell vergessen. Ich liege flach auf dem Brett, fange an mit den Armen zu rudern, springe aufs Brett. Und gleich erste Welle trägt mich Jack-Johnson-gleich über den Pazifik...!


Naja fast. Zwischen zwei erfolgreichen Ritten auf den Wellen liegen mindestens zehn Sturzflüge. Doch um dieses berauschende Gefühl einmal zu erleben, lohnt sich jede Bauchlandung!




Isla Negra: Auf den Spuren Pablo Nerudas

Wild schäumend peitschen die Wellen auf die schwarzen Felsen vor Isla Negra. Hinter einem schmalen Sandstrand, an einer grünen Bucht, liegt Pablo Nerudas Sommerresidenz. Hier verbrachte der chilenische Literatur-Nobelpreisträger den Großteil seiner Zeit, hier bekam er die Inspiration für seine Gedichte, hier liegt er heute unter der Erde.


Das steinerne Grab Nerudas und seiner dritten Frau Matilde Urrutia im weitläufigen Garten des Anwesens hat die Form eines Segelschiffs. Sein Bug zeigt in Richtung Meer, hinter dem Grabstein ragt ein Holzmast in den Himmel, doch das Segel wurde seit 1973 nicht mehr gesetzt. Neruda starb zwölf Tage nach Pinochets blutigem Militärputsch an Herzversagen.


Isla Negra ist keine Insel. Der Name bezeichnet einen Felsen, der vor der stürmischen Landzunge aus dem Ozean ragt. Nerudas Haus in dem kleinen Küstendorf ist ebenso detailverliebt gestaltet wie seine anderen beiden Domizile – La Chascona in Santiago und La Sebastiana in Valparaíso. Was im Sinne Nerudas bedeutet, dass sie bis unters Dach mit Antiquitäten und Skulpturen vollgestopft sind. Heute würde man Neruda wahrscheinlich als Messie bezeichnen – für ihn war es Kunst.



Seine Sammlung reicht bis ins hölzern-rustikal ausgestattete Schlafzimmer. Aus seinem Bett hatte er durch die verglaste Fensterfront bereits beim Augenaufschlag einen berauschenden Blick auf sein kleines weißes Segelboot im Garten, den Glocken-Stern im Hof - und die tosenden Wellen des Pazifiks.